Die aktuelle Steuerdiskussion geht an der tatsächlichen Problematik vorbei und wird meiner Ansicht nach überwiegend aus populistischen Motiven geführt. In den letzten drei Jahrzehnten ist die Lohnquote am Volkseinkommen um mehr als 15% gesunken. Die Arbeitnehmer bekommen einen immer kleiner werdenden Teil des Kuchens den sie backen und werden vom Staat höher belastet als andere Einkommensgruppen.
Die Lohnquote
1978 lag die Brutto-Lohnquote des Volkseinkommens bei 78,7%, bis 2007 ist diese auf 66,6% gesunken, das entspricht einem Rückgang von 15,4%.
Durch den Vergleich mit der Netto-Lohnquote lässt sich eine höhere Abgabenleistung der Lohneinkommen feststellen: 2006 lag die Brutto-Lohnquote bei 66,9%, die Netto-Lohnquote hingegen lediglich bei 57,8%. Würden alle Einkommensgruppen mit den gleichen Abgaben belastet, müsste die Netto- der Brutto-Lohnquote entsprechen.
Auch ist die ungleichmäßige Abgabenbelastung in den letzten Jahren weiter angestiegen: 1988 lag die Differenz noch bei 6,8 (73,4% Brutto, 66,6% Netto), 2006 bereits 9,1 Prozentpunkten [1]. Der Staat hat also auf die schrumpfende Lohnquote und den daraus resultierenden geringeren Einnahmen reagiert, in dem er die Abgabenbelastung auf Lohneinkommen erhöht hat.
Ungleichmäßige Abgabenbelastung
Anhand eines einfachen Beispiels lässt sich die ungleichmäßige Belastung verdeutlichen: 2009 lag das durchschnittliche Netto-Jahreseinkommen aus unselbständiger Erwerbstätigkeit bei etwa 20.000€ [2], brutto (inkl. Lohnnebenkosten, etc.) entspricht das einem Gesamteinkommen von etwa 36.800€ [3]. Daraus ergibt sich einer Abgabenquote von 45%.
Kapitalerträge hingegen werden mit lediglich 25% belastet. Oder anders ausgedrückt, wer 36.800€ an Kapitalerträgen bekommt, hat Netto um 7.600€ oder 38% mehr in der Tasche als jemand der für dieses Geld gearbeitet hat.
Es besteht eine klare Bevorteilung von Einkommen aus Besitz gegenüber Einkommen aus Arbeit. Da sich mehr als zwei Drittel des Volksvermögens in Besitz des oberen Deziles befindet [4], ist auch klar, wer am meisten von dieser Bevorteilung profitiert. Mit dem „Leistungsgedanken“ (der ÖVP) lässt sich das meiner Meinung nach nicht vereinbaren.
Auch eine „Reichensteuer“ (SPÖ) wird diesen Missstand nicht beseitigen, hier braucht es vielmehr eine umfassende Steuerreform die nicht mehr zwischen unterschiedlichen Einkommensarten differenziert.
Ein gerechteres Steuersystem
In der Umsetzung würde das bedeuten, dass jedes Einkommen einer Person zugeordnet wird, der SV-Pflicht unterliegt und zur progressiven Einkommenssteuer herangezogen wird.
Aufgrund der zusätzlichen Einnahmen könnte daraufhin der SV-Beitragssatz abgesenkt und der Einkommenssteuer-Freibetrag erhöht werden, was wiederum zu einer Entlastung aller Lohneinkommen führen würde.
Da somit sowohl die „Leistungsträger“ entlastet, wie auch die „Reichen“ stärker zur Kasse gebeten werden würden, sollte ein derartiges Konzept im Interesse beider Regierungsparteien liegen und einer Umsetzung nichts im Wege stehen.
Anmerkungen:
2008 kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Lohnquote der auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen ist. Da sich die Lohnquote azyklisch zur Wirtschaftsentwicklung verhält ist davon auszugehen, dass es sich hierbei lediglich um einen statistischen „Ausreißer“ und nicht um eine Trendumkehr handelt. Da mir keine Daten der weiteren Entwicklung zur Verfügung stehen, wurde in meinem Kommentar lediglich die Lohnquote bis 2008 berücksichtigt.
Dieser Artikel wurde von derstandard.at als Leser-Kommentar veröffentlicht.
